Zitat der Woche (ZdW) #3

[…] Oft sieht er ganz deutlich den gedruckten Text vor sich, dessen Fahne sich hinter seinem Blickfeld aufrollt. Ein erstaunliches Gedächtnis. Das reine Textgedächtnis des Buchhändlers Vollard, der da tief in seinem Körper wie frisches, unberührtes Fleisch, das noch in allen seinen Fasern lebendig ist, Milliarden von Wörtern speichert, die er in endlosem Vergnügen verschluckt, gekaut, erneut gekaut, zermahlen hat. Eine Romanszene tritt ihm wortgetreu vor Augen, zusammen mit einer Seite, einem Schriftsatz, einem Klebegeruch und sogar mit den Lücken, der Zeichensetzung, einem brutal getrennten Wort, dessen eine Hälfte über dem jähen Nichts eines Zeilenendes hängt und sich an den Trennstrich klammert, während die andere Hälfte, auch verletzt, traurig die neue Zeile beginnt. […]

Zitiert nach ? Pierre Péju: Die kleine Kartäuserin. Roman, 4. Aufl., München, Piper 2005, ISBN 978-3-492-04619-0.

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Datum: Dienstag, 15. September 2009 18:04
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