LeseProbe: Franz Kafka. Motivik und Sprache … (I. Scholz)

Ausschnitt "Gibs auf!", (c) J. Kiecker/Bernstein

Kleine Fabel

»Ach«, sagte die Maus, »die Welt wird immer enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.«
»Du mußt nur die Laufrichtung ändern«, sagte die Katze und fraß sie.

Entstehung, Aufbau und Sprachform der Skizze

Der vorliegende Text – wohl einer der kürzesten von Kafkas Sprachstücken – ist im November/Dezember 1920 entstanden. Er war zunächst unbetitelt und erhielt später von den Herausgebern des Nachlasses die Benennung »Kleine Fabel«. Der lapidare Text ist – wie viele kürzere Sprachstücke Kafkas – in der Ich-Form geschrieben und enthält einen sprachlich pointierten Dialog zwischen einer Katze und einer Maus. Die Tierfiguren werden ohne epische Einführung vorgestellt. Der Autor springt mit den ersten Worten der Maus in medias res; es handelt sich bei ihrer Anfangsaussage um eine Art Sentenz, die eine allgemeine Erfahrung ausdrückt und die dann im folgenden auf den individuellen Fall verengt wird. Erst in der Schlusswendung des hier mitgeteilten Sachverhalts wird in den Worten der Katze eine Art Allgemeingültigkeit zurückgewonnen, die den Betrachter mit einbezieht. Das Ungewöhnliche des Vorgangs liegt in dem Überraschungseffekt dieser Schlusswende: Weder die Maus noch der Leser weiß zu Anfang etwas von der Katze, auf die jeder vorbereitende Hinweis fehlt.

Der sprachlich pointierte Text enthält neben dem präzise angegebenen Sachverhalt zwei Vokabeln, die Stimmungsbewegungen zum Ausdruck bringen: »Angst« und »glücklich«. Der Autor entwirft Bildfolgen, die den Weg der Maus durch die Alltagswelt von Zimmern, Mauern und Gängen veranschaulichen. Sprachlich bemerkenswert ist der Gebrauch der Temporalformen; wir finden einen Tempuswechsel vom Präteritum zum Präsens in der Mitte des Erzählvorgangs und einen erneuten Wechsel der Zeitformen umgekehrt vom Präsens ins Präteritum. Man erkennt in Anbetracht dieses Tatbestands, dass die Zeitformen der Verben bei Kafka nicht beim Wort genommen werden können; sie entsprechen nicht der grammatikalischen Norm. Die »Kleine Fabel« erweist die Gleichzeitigkeit von »sah«, »bin« und »laufe«; hier ist zeitloses Milieu, in dem Klärung und Gliederung durch die Zeitformen aufgehoben ist. »Im Zeitraffer verschwinden Chronologie und Tiefe des Raums, verschwinden Gegenwart und Zukunft«.[1] Die Orientierungslosigkeit der Kafkaschen Figuren spiegelt sich so auch in dem nicht schulgerechten Gebrauch der Zeitformen wider wie auch in der Andeutung und hinweisenden Gegenständlichkeit seiner Bildfolgen: der Lauf der Maus durch die enger werdende Welt, durch Zimmer und Gänge mit Mauern, die aufeinander zueilen, – bis in den begrenzenden Winkel mit der Falle und der nur zu erschließenden Änderung der Laufrichtung in die Fänge der Katze.

[…]


[1] Theo Elm, Problematisierte Hermeneutik. Zur ›Uneigentlichkeit‹ in Kafkas kleiner Prosa, in: DVJS 50 (1976), S. 477-510, hier: S. 499.

Weiterlesen in: Ingeborg Scholz: Franz Kafka. Motivik und Sprache in exemplarischen Texten seiner Prosaminiaturen (Mit Radierungen von Jürgen Kiecker); fadengeheftete Broschur, 12×19 cm, 96 S., zahlreiche s/w Abb., ISBN 978-3-939431-18-3, Euro 9,80.

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Datum: Samstag, 27. Juni 2009 18:39
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